Conlio erhält 6,4 Millionen Euro für KI-gestützte Finanzprozesse in der Logistik
Das Berliner Startup Conlio hat 6,4 Millionen Euro von bestehenden und neuen Investoren eingesammelt. Das Unternehmen entwickelt eine KI-basierte Softwarelösung für die Automatisierung von Finanzprozessen im europäischen Straßengüterverkehr.
Angeführt wird die Finanzierungsrunde von Piton Capital. Weitere Investoren sind Haufe Group Ventures sowie WaVe-X und F-LOG Ventures. WaVe-X ist der Venture-Capital-Arm der WALTER GROUP, zu der unter anderem das europäische Transportunternehmen LKW WALTER gehört. F-LOG Ventures ist die Investmentgesellschaft des Logistikdienstleisters FIEGE.
Auch die Bestandsinvestoren System.One, Puzzle Ventures, Booom Ventures und Yellow beteiligen sich an der Finanzierung. Mit den beiden strategischen Kapitalgebern gewinnt Conlio zusätzliche Branchenexpertise und Zugang zu Netzwerken innerhalb der europäischen Transportlogistik.
Das Startup betont, auch nach der Finanzierungsrunde unabhängig zu bleiben. Zur Unternehmensbewertung, zur Finanzierungsphase und zu den Beteiligungsquoten wurden keine Angaben veröffentlicht. Auch die bisher insgesamt eingesammelte Finanzierungssumme ist nicht bekannt. Das Kapital soll insbesondere für die Weiterentwicklung der Plattform, zusätzliche Mitarbeiter und die Expansion in Europa eingesetzt werden.
Milliardenmarkt mit aufwendigen Verwaltungsprozessen
Der europäische Straßengüterverkehr zählt zu den größten Wirtschaftsbereichen des Kontinents. Conlio beziffert das Marktvolumen auf rund 430 Milliarden Euro. Gleichzeitig stehen Speditionen unter erheblichem wirtschaftlichem Druck. Hohe Betriebskosten, ein intensiver Wettbewerb und vergleichsweise geringe Margen erhöhen die Bedeutung effizienter Prozesse. Während viele operative Abläufe in der Transportlogistik bereits digitalisiert wurden, erfolgt die Bearbeitung von Transportdokumenten häufig weiterhin manuell.
Die Logistik gehört zu den größten Branchen der Welt, und die Digitalisierung hat bereits große Teile davon verändert.
Dr. Claudio Consul, Gründer und CEO von Conlio
Gleichzeitig gibt es unzählige Sonderfälle und Entscheidungen, die vom jeweiligen Kontext abhängen.
Für nahezu jeden Transport müssen unterschiedliche Unterlagen geprüft werden. Dazu gehören beispielsweise CMR-Frachtbriefe, Abliefernachweise und Rechnungen der beauftragten Frachtführer. Diese Dokumente bilden die Grundlage dafür, dass Speditionen ihre Transportpartner bezahlen und anschließend die erbrachten Leistungen gegenüber ihren Kunden abrechnen können. Die Unterlagen liegen allerdings in unterschiedlichen Formaten und Sprachen vor. Häufig enthalten sie handschriftliche Ergänzungen oder individuelle Angaben. Zusätzlich unterscheiden sich die Anforderungen je nach Auftraggeber, Transportstrecke und Land.
KI prüft Transportdokumente automatisch
Conlio will diese Prozesse mit künstlicher Intelligenz automatisieren. Die Plattform liest Transportdokumente aus, interpretiert deren Inhalte und überprüft die Angaben anhand der jeweiligen Transportaufträge.
Die Software muss verstehen, welche Bedeutung einzelne Informationen innerhalb eines Dokuments haben. Ein Beispiel sind CMR-Frachtbriefe. Auf einem solchen Dokument können mehrere Datumsangaben stehen, etwa für die Ausstellung, die Abholung oder die tatsächliche Zustellung einer Lieferung. Für die korrekte Abrechnung muss das System erkennen, welches Datum welchem Ereignis zugeordnet ist.
Conlio setzt deshalb auf KI-Modelle, die Informationen im jeweiligen Zusammenhang auswerten und mit den Anforderungen des Transportauftrags abgleichen. Aus den geprüften Unterlagen entstehen strukturierte Transaktionsdaten, die anschließend für weitere kaufmännische Prozesse genutzt werden können. Die Plattform soll damit eine technische Grundlage schaffen, auf der sich künftig zusätzliche Finanzabläufe automatisieren lassen.
Mehr als 90 Prozent der Dokumentenprüfungen automatisierbar
Nach Angaben von Conlio kann die Plattform mehr als 90 Prozent der Prüfungen von Transportdokumenten automatisieren. Dadurch sollen Speditionen den manuellen Bearbeitungsaufwand reduzieren und Rechnungen schneller erstellen können. Nach eigenen Berechnungen können Speditionen durch den Einsatz der Plattform ihr operatives Ergebnis vor Zinsen und Steuern (EBIT) um bis zu 30 Prozent verbessern.
Speditionen wickeln enorme Mengen an Transaktionen ab, gleichzeitig beruhen viele ihrer Finanzprozesse noch immer auf manuellen Prüfungen. Claudio und sein Team verstehen diese Herausforderung aus der Perspektive ihrer Kunden...
Michael Macklin, Investor bei Piton Capital
Für eine Spedition mit 100 Millionen Euro Jahresumsatz entspricht dies laut Conlio einer möglichen jährlichen EBIT-Verbesserung von mehr als einer Million Euro. Die Zahlen verdeutlichen den wirtschaftlichen Nutzen, den das Unternehmen mit seiner Technologie verspricht. Allerdings handelt es sich um Angaben und Berechnungen von Conlio. Unabhängig überprüfte Vergleichsdaten zur Automatisierungsquote oder zu tatsächlich erzielten Ergebnisverbesserungen wurden nicht veröffentlicht. Auch die wirtschaftlichen Effekte dürften je nach Unternehmensgröße, Prozessstruktur und bisherigem Automatisierungsgrad unterschiedlich ausfallen.
Vom geprüften Dokument zur automatisierten Zahlung
Die bisherige Anwendung konzentriert sich auf die Verarbeitung und Prüfung von Transportdokumenten. Das Startup will langfristig eine zentrale Softwareplattform für die Finanzabwicklung im Straßengüterverkehr entwickeln. Die geprüften Dokumente sollen dafür als verlässliche Datengrundlage dienen.
Auf dieser Basis könnten künftig weitere Abläufe automatisiert werden, etwa die Rechnungsprüfung, die Zahlungsfreigabe oder die Abstimmung zwischen Speditionen und Frachtführern. Wenn Transportdokumente erst nach mehreren manuellen Prüfschritten verarbeitet werden, verzögert sich häufig die anschließende Rechnungsstellung und Bezahlung. Eine schnellere Verarbeitung der Unterlagen könnte daher nicht nur Verwaltungskosten senken, sondern auch die Finanzabwicklung beschleunigen.
Welche zusätzlichen Zahlungsfunktionen Conlio bereits produktiv anbietet und welche noch entwickelt werden, geht aus der Mitteilung nicht im Detail hervor.
In vier europäischen Märkten aktiv
Die Plattform wird in Deutschland, Großbritannien, Spanien und Dänemark eingesetzt. Damit verfügt das Berliner Startup über erste Erfahrungen in mehreren europäischen Märkten mit unterschiedlichen sprachlichen und regulatorischen Anforderungen. Gerade bei grenzüberschreitenden Transporten können solche Unterschiede die Dokumentenprüfung erschweren.
Für eine europaweit einsetzbare Automatisierungsplattform ist deshalb die Verarbeitung unterschiedlicher Dokumententypen und Sprachen von zentraler Bedeutung. Conlio will seine Präsenz in Europa mit der neuen Finanzierung weiter ausbauen. Konkrete zusätzliche Zielländer wurden bislang nicht genannt. Auch zur Anzahl der Kunden, zum verarbeiteten Dokumentenvolumen und zum Umsatz des Unternehmens liegen keine Angaben vor.
Gründer Claudio Consul bringt Erfahrung von sennder mit
Gegründet wurde Conlio von Dr. Claudio Consul, der das Unternehmen als CEO führt. Vor seiner Gründung war Consul als Senior Vice President of Product beim digitalen Speditionsunternehmen sennder tätig. Dort war er am Aufbau und an der Weiterentwicklung der Produktorganisation beteiligt.
Während seiner Tätigkeit wuchs sennder nach Unternehmensangaben von rund 200 auf mehr als 1.000 Mitarbeiter. Die Erfahrungen aus der digitalen Transportlogistik fließen nun in die Entwicklung von Conlio ein. Consul sieht insbesondere in der Vielzahl unterschiedlicher Sonderfälle eine zentrale Herausforderung bei der Automatisierung von Finanzprozessen. Klassische Software könne viele standardisierte Aufgaben abbilden, stoße bei komplexen Dokumenten und kontextabhängigen Entscheidungen jedoch häufig an Grenzen. KI eröffne neue Möglichkeiten, auch solche Abläufe weitgehend zu automatisieren.
Mit Conlio will er deshalb die Verarbeitung von Transportdokumenten als Ausgangspunkt für eine umfassendere Digitalisierung der finanziellen Prozesse in der Logistik nutzen.
WALTER GROUP und FIEGE beteiligen sich strategisch
Die Beteiligung von WaVe-X und F-LOG Ventures ist für Conlio auch aus strategischer Sicht relevant. Beide Investmentgesellschaften sind mit etablierten Logistikunternehmen verbunden. Die WALTER GROUP verfügt über umfangreiche Erfahrung im europäischen Straßengüterverkehr. FIEGE gehört zu den großen Logistikdienstleistern Europas.
Durch die Beteiligung ihrer Venture-Capital-Gesellschaften erhält Conlio Zugang zu zusätzlichem Branchenwissen und potenziellen Kooperationsmöglichkeiten.
KI wandert gerade aus Pilotprojekten in die Kernprozesse der Spedition, und die Finanzabwicklung ist einer der Bereiche, in denen der Effekt am unmittelbarsten spürbar ist.
Thomas Muscher, Managing Director bei WaVe-X
Thomas Muscher, Managing Director bei WaVe-X, sieht in der KI-gestützten Finanzabwicklung einen Bereich mit unmittelbar messbarem Automatisierungspotenzial. Aus seiner Sicht entwickelt sich künstliche Intelligenz zunehmend von einzelnen Pilotprojekten zu einer Technologie für zentrale Geschäftsprozesse in Speditionen. WaVe-X will Conlio deshalb neben Kapital auch mit Branchenexpertise bei der europäischen Skalierung unterstützen.
Piton Capital sieht Potenzial für eine zentrale Logistikplattform
Lead-Investor Piton Capital betrachtet Conlio als möglichen Anbieter einer übergreifenden Finanzinfrastruktur für die Transportbranche. Michael Macklin, Investor bei Piton Capital, verweist auf das hohe Transaktionsvolumen von Speditionen und die weiterhin verbreiteten manuellen Prüfprozesse. Die Plattform sei bereits in die täglichen Arbeitsabläufe ihrer Kunden integriert.
Mit einer wachsenden Zahl angebundener Unternehmen und Transaktionen könnten sich aus Sicht des Investors zusätzliche Netzwerkeffekte ergeben. Dafür müsste Conlio allerdings seine Software über die bisherige Dokumentenprüfung hinaus weiterentwickeln und zusätzliche Finanzprozesse integrieren.Ob und in welchem Umfang solche Netzwerkeffekte tatsächlich entstehen, bleibt von der weiteren Marktentwicklung abhängig.

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